03.09.2007
Bundeskanzler Gusenbauer im Interview mit dem ORF Morgenjournal

ORF
Herr Bundeskanzler, was können Sie den israelischen und arabischen Politikern, mit denen Sie zusammentreffen sagen, was die nicht schon tausendmal gehört haben?

Gusenbauer
Es geht gar nicht so sehr darum ihnen Ratschläge zu geben, sondern es geht darum, dass wir jetzt in den nächsten Monaten einen sehr dynamischen Verhandlungsprozess haben zwischen den Palästinensern und den Israelis, wo beide Seiten Wünsche haben was wir beitragen können, damit diese Gespräche auch erfolgreich sind. Daher komme ich nicht als jemand, der von außen glaubt, erklären zu müssen, wie man hier das Problem löst, sondern ich höre mir an, wie weit der Fortschritt ist, um dann zu definieren, wo wir einen Beitrag leisten können

ORF
Können solche Gespräche überhaupt erfolgreich sein, wenn es diese Spaltung zwischen Fatah und Hamas gibt, also zwischen Westjordanland und dem Gazastreifen? Die Hamas sitzt nicht am Tisch. Die Hamas ist nirgends dabei. Sie ist aber gewählt. Wie kann es da einen Fortschritt geben?

Gusenbauer
Ich glaube, dass es schon sinnvoll wäre zwischen der Fatah und Israel zu einem Agreement und zu einem Verständnis zu kommen, denn das würde auch die Position der Fatah unter den Palästinensern stärken, nämlich zu sagen, dass man auf dem Verhandlungsweg Ergebnisse erreichen kann. Wenn das gelingen würde, würde das entscheidend die Hamas schwächen und die Fatah stärken. Ich glaube, das ist worauf wir alle setzen

ORF
In der Vergangenheit hat das aber nicht funktioniert?

Gusenbauer
Der Punkt ist, man kann bei diesem Konflikt lange darüber philosophieren was in der Vergangenheit
falsch gemacht wurde, da würde uns allen viel einfallen, vor allem mit dem Blick zurück. Das hilft nur nichts. Man muss die Situation so sehen wie sie ist, die EU unterstützt diesen Verhandlungsprozess zwischen der Fatah und Israel. Und wir glauben, wenn das zu einem endgültigen Abschluss kommt auch unter Einschluss der sehr sensiblen Fragen wie der Frage der palästinensischen Flüchtlinge, dem Status von Jerusalem und so weiter, dass ein solcher umfassender Friede auch Bewegung in Palästina bringen würde

ORF
Müsste man nicht mutig sein und auch die Hamas mit einbinden?

Gusenbauer
Ich glaube, dass der Zeitpunkt dafür jetzt nicht günstig ist, sondern ich glaube, man muss einmal den Nachweis bringen, dass es überhaupt möglich ist, zwischen dem Präsidenten und dem derzeitigen Premierminister der palästinensischen Behörde und Israel zu einem Ergebnis zu kommen. Danach kann man über weitere Schritte reden. Aber derzeit glaube ich, ist es vernünftig die Gespräche auf der Ebene zu halten wo sie sind

ORF
Tony Blair versucht jetzt für das Nahost Quartett zu vermitteln. Ist das aussichtsreich? Tony Blair ist unter Anderem gerade durch seine Irakpolitik bei den Arabern im Misskredit geraten. Hat er da Chancen?

Gusenbauer
Tony Blair ist jemand, der jeden Job professionell erledigt. Das hat er bewiesen und ich glaube, sein Engagement in der Region ist sehr groß und er wird einen Beitrag dazu leisten, dass der Konflikt gelöst wird.