07.11.2008
Bundeskanzler Alfred Gusenbauer im Tiroler Tageszeitung Interview über eine historische Wahl und ihre Folgen

Die Welt auf breiten Schultern

Tiroler Tageszeitung (TT): Die Wahl von Barack Obama wurde weltweit als eine historische bezeichnet. Eine berechtigte Benennung?

Gusenbauer: Mit Sicherheit. Und dabei denke ich nicht nur an die Tatsache, dass mit Obama erstmals ein Schwarzer zum US-Präsidenten gewählt wurde. Denken Sie doch nur daran, dass die USA nur wenige Jahre nach dem 11. September einen Mann zum Präsidenten gewählt haben, der mit vollen Namen Barack Hussein Obama heißt.

TT: Die Mutmaßungen in Europa gehen von einer Neubewertung der transatlantischen Beziehung aus.

Gusenbauer: Vor allem die ersten vier Bush-Jahre waren sehr angespannte. Der Unilateralismus der Bush-Jahre wurde zur Belastung. Obama setzt wieder auf Multilateralismus. Das heißt, Europa und die USA werden angesichts der Weltwirtschaftskrise und des Klimawandels wieder enger zusammenarbeiten.

TT: Barack Obamas Wahl erinnert geradezu an messianische Züge. Wird hier das Gewicht der Welt auf seine Schultern abgelegt?

Gusenbauer: Naja, er trägt tatsächlich als US-Präsident ein enormes Gewicht auf seinen Schultern. Obama hat nun bis zu den Zwischenwahlen zwei Jahre Zeit, wesentliche Reformen umzusetzen. Er kann aber nicht alles lösen. Die Wahl Obamas wird hoffentlich auch innerhalb der EU einen Ruck erzeugen. Die Welt hat mit Obama eine Chance hin zu einer sozialeren Welt. Doch hierfür ist es notwendig, dass innerhalb der EU die Eifersüchteleien aufhören. Die EU muss mit einer Stimme sprechen. Und es braucht bei der Lösung der Weltprobleme die Einbindung jener Staaten, die bislang allzu oft als Schwellenländer oder Dritte Welt abgestempelt wurden. Deshalb muss im Sinne des Multilateralismus das Gewicht der Welt auf breitere Schultern gelegt werden.

TT: Sie sagen, die Welt kann sozialer werden.

Gusenbauer: Weil mit der Wahl Obamas auch der Neoliberalismus gescheitert ist. Obamas Wahl war ein Sieg der sozialen Marktwirtschaft. Ich gehe davon aus, dass der künftige US-Präsident in das US-Sozialkapital investieren wird. Also Bildung und Gesundheit.

TT: Zuletzt nahm der Anti-Amerikanismus zu.

Gusenbauer: Vor allem der verbreitete dumpfe Anti-Amerikanismus war mir immer schon ein Dorn im Auge. Ich hoffe sehr, dass diese Wahl hier eine Trendwende bewirken kann.

TT: Wie lange haben Sie die Wahlnacht vor dem Fernseher verfolgt?

Gusenbauer: Bis 5:15 Uhr. An solchen historischen Momenten will man irgendwie dabei sein.

Das Gespräch führte Michael Sprenger