27.06.2009
Gabriele Heinisch-Hosek: "Will niemandem etwas vorschreiben"

Eine Diskussion mit der Frauenministerin und der Personalexpertin Manuela Lindlbauer.

Thema Gehalts-Strip: Offenheit über das Einkommen soll zu Gleichstellung führen. Ein Modell mit Chancen?

Ein Kamerateam verlässt das Büro von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Nächster Termin: 14 Uhr, Kurier. Der Medienrummel um die Ministerin und ihren Vorschlag zur Offenlegung der Gehälter war diese Woche groß. Eine Diskussion mit der Frauenministerin und der Personalexpertin Manuela Lindlbauer.

Kurier: Frau Ministerin, Sie haben die Offenlegung der Gehälter vorgeschlagen. Haben Firmen schon reagiert?

Gabriele Heinisch-Hosek: Ja. In den vergangenen Tagen haben viele Unternehmer gesagt "Bei uns gibt es keine Unterschiede". Ich wäre neugierig auf die Ergebnisse. Denn: Es gibt Unterschiede.

Kurier: In welchen Bereichen erwarten Sie Abweichungen der Mann-Frau-Gehälter?

Gabriele Heinisch-Hosek: Das ist schwierig zu sagen, in der Pflege zum Beispiel. Wichtig ist es, Gleiches mit Gleichem zu vergleichen: Hilfsarbeiter mit Hilfsarbeiterin etwa.

Kurier: Oder den Kassierer mit der Kassiererin. Im Supermarkt wird wohl gleich bezahlt.

Gabriele Heinisch-Hosek: Das hoffe ich! Ich weiß es dennoch nicht. Es kommt ja auch darauf an, wie das Gehalt verhandelt wird. Dann handelt der Mann 1.300 Euro heraus, die Frau 1.100 Euro.

Manuela Lindlbauer: Stimmt. Frauen müssen sich ihres Werts bewusst sein. Das sage ich auch in meinen Coachings. Leider hat mir eine meiner Studien aber gezeigt, dass Frauen ein anderes Wertesystem haben. Geld spielt für sie im Leben nicht so eine große Rolle.

Kurier: Gehaltstransparenz ändert weder Werte noch steigert sie Verhandlungsgeschick.

Manuela Lindlbauer: Ich halte daher auch wenig davon, Frauen eine Glaskuppel überzustülpen. Sie müssen sich selbst auf die Füße stellen. Ich habe nie weniger verdient als ein Mann.

Gabriele Heinisch-Hosek: Ich bin bei Ihnen. Wir wollen Frauen fit für Verhandlungen machen. Das schützt aber nicht vor Diskriminierung.

Manuela Lindlbauer: Wir vergleichen allerdings immer karriereorientierte Männer mit nicht-karriereorientierten Frauen. Es kann auch Männer geben, die sich nicht laut genug für ihr Gehalt einsetzen und Frauen, die sehr resolut ihren Preis verhandeln.

Kurier: Wären Frauen per se billig, würde man dann nicht nur Frauen beschäftigen?

Gabriele Heinisch-Hosek: Das geht gar nicht. Denn nur 42 Prozent der Erwerbstätigen sind Frauen. Es gibt eine ungleiche Verteilung. Manche Branchen, etwa die Industrie, haben kaum Frauen.

Manuela Lindlbauer: Dabei wollen Firmen Frauen, finden sie aber nicht immer. Wir haben für einen Kunden eine Führungskraft gesucht, aber keine Interessentin gefunden.

Kurier: Nicht jede Frau will Karriere machen.

Gabriele Heinisch-Hosek: Ich will niemanden zwangsbeglücken. Und ich weiß auch, dass Frauen schneller zufrieden sind als Männer. Es gibt eine Studie, die oft an Wirtschaftsunis zitiert wird. Nach zehn Jahren im Job sind Frauen um Tausende Euro leichter, aber zufriedener. Ich will Frauen bloß unterstützen, sodass sie sich für gerechte Bezahlung stark machen.

Kurier: Wer bewertet Leistung?

Manuela Lindlbauer: Das ist die Frage. Als Unternehmerin will ich mir nicht vorschreiben lassen, wie viel ich zahle.

Gabriele Heinisch-Hosek: Ich will auch niemandem etwas vorschreiben, sondern die Möglichkeit geben, betriebsintern Gehaltsgruppen abzuwägen. Es geht nicht um einzelne Personen oder Gehälter.

Kurier: Wie sollen diese Gruppen aussehen?

Gabriele Heinisch-Hosek: Man müsste sich Männer- und Frauengehälter ansehen, das Alter, sowie die Dauer der Betriebszugehörigkeit und beurteilen, ob es im Schnitt Unterschiede gibt.

Kurier: Ausbildung wäre dabei etwa nicht berücksichtigt?

Gabriele Heinisch-Hosek: Wie die Praxis aussehen soll, damit beschäftigen sich die Legistiker. Manche Unterschiede in der Einkommensschere sind sicher auf Ausbildung oder Verhandlungstechnik zurückzuführen. Aber 15 Prozent der Differenz macht rein das Frausein aus. (Anmerkung: der Bruttostundenlohn der Frauen liegt 25,5 Prozent unter jenem der Männer.) Viele Frauen wissen das nicht. Wenn sie es durch die Offenlegung wüssten, könnten sie zur Gleichbehandlungsanwaltschaft, gar zum Arbeitsgericht. Soweit soll es aber nicht kommen.

Kurier: Was soll dann kommen?

Gabriele Heinisch-Hosek: Ich will Gespräche zwischen Chefs und Mitarbeiterinnen, eine Lösung durch den Betriebsrat.

Manuela Lindlbauer: Ich glaube trotzdem nicht, dass es gut ist, wenn Mitarbeiter wissen, was ihre Vorgesetzten oder der Firmenchef verdienen.

Gabriele Heinisch-Hosek: Es kann nicht jeder Generaldirektor sein! Jeder weiß, dass das Einkommen davon abhängt, welche Ausbildung man gemacht, was man im Job erreicht hat. In Österreich spricht man nicht über Geld - außer über Politikergehälter. In anderen Ländern ist es längst üblich.

Kurier: Es würde wohl die gesamte Firmenkultur ändern.

Manuela Lindlbauer: Es kann zu Unmut führen, wenn jemand nicht viel verdient und weiß, ein anderer bekommt 5.000 Euro.

Gabriele Heinisch-Hosek: Wie gesagt, mir geht es nicht um den Einzelnen, sondern um Grobes. Die Umsetzung muss man sich ansehen, wichtiger ist mir das Bewusstmachen. Ich will eine Debatte lostreten.

Kurier: Gehaltstransparenz - nur eine von vielen Maßnahmen?

Gabriele Heinisch-Hosek: Das Riesenprojekt ist der Nationale Aktionsplan Gleichstellung. Mehr Frauen sollen ins Erwerbsleben, in Führungspositionen und die Gehaltsschere ist zu verringern.

Kurier: Die aktuelle Diskussion ist damit nur ein Anstoß?

Gabriele Heinisch-Hosek: Ja. Ich bin froh über jede Berichterstattung.