Mitten in Europa und doch am Rand

Wie können die Lebensumstände von Millionen Menschen verbessert werden, die in Europa der Roma-Minderheit angehören? Eines scheint klar zu sein – einfache Lösungen gibt es nicht.

20.09.2010
Bundespressedienst/swe

Die schwierigen Lebensbedingungen der Roma in Europa

Für die Politikerinnen und Politiker in Europa ist die Lebenssituation der Roma ein schwer lösbares Dauerproblem geworden. Der Knackpunkt: Die Strategien von Gemeinden, Regionen, Staaten und EU sind kaum aufeinander abgestimmt, der Ball der Verantwortung wird zwischen den verschiedenen politischen Ebenen hin- und hergespielt. Diese Zersplitterung der Kompetenzen erschwert eine einheitliche und nachhaltige Gesamtstrategie zugunsten der Roma. Die Europäische Union bemüht sich daher um eine verbesserte Zusammenarbeit der Mitgliedsländer, von NGOs und internationalen Organisationen. Bis dato wurde zwei Mal ein EU Roma Gipfel veranstaltet und eine Europäische Plattform zur Integration der Roma ins Leben gerufen.

Junge Romni geht durch ein Weizenfeld

Wie kann die Lage der Roma in Europa verbessert werden?
(© european commission)

EU und Mitgliedsländer stellen für konkrete Projekte zur Unterstützung von Roma finanzielle Mittel aus den Europäischen Strukturfonds bereit. Laut einer Schätzung des Europäischen Sozialfonds (ESF) werden von 2007 bis 2013 zum Beispiel insgesamt 17,5 Millionen Euro für Roma-Projekte zur Verfügung gestellt. 2005 haben zwölf EU-Länder ein Jahrzehnt der Roma-Integration ausgerufen, und auch das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2010 sieht Roma als eine der Hauptzielgruppen. Besonders im Fokus der Bemühungen steht Bildung als Schlüssel zur Verbesserung der Lebenssituation. Zwischen Anspruch und Realität klaffen jedoch noch Welten. Angesichts der jüngsten Ereignisse in Frankreich schlagen die Kommissare Viviane Reding (Justiz und Grundrechte), Cecilia Malmström (Inneres) und László Andor (Soziales) nun die Schaffung einer "EU Roma Task Force" vor, die die Vergabe von Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) zur Integration der Roma beurteilen und nachhaltig verbessern soll, denn in vielen Fällen werden die verfügbaren Mittel nicht ausgeschöpft.

Hintergrund: Die Roma in Europa

Die Roma sind in Europa mit geschätzten acht bis zwölf Millionen Menschen die größte Minderheitengruppe. "Roma" wird hier (analog zur Bezeichnung durch die Europäischen Institutionen) als Oberbegriff für mehrere ethnisch miteinander verwandte Bevölkerungsgruppen wie Sinti, Manouches oder Ashkali verwendet. Neben der Sprache Romanes beherrschen viele Roma weitere Sprachen, meist diejenigen ihrer Aufenthaltsländer. Vor Jahrhunderten aus Indien kommend nach Europa eingewandert, bestimm(t)en Verfolgung, Vertreibung und Vorurteile ihre Lebensumstände. Kaum Verständnis für den ungewohnten traditionellen Lebensstil der Minderheit (frühe Verheiratung, große Kinderzahl, keine Sesshaftigkeit) und Diskriminierung erklären die vor allem in den Ländern Osteuropas herrschende katastrophale soziale Lage. Verlässliche statistische Daten über die Zahl der Roma sind kaum verfügbar. Einerseits, weil sie aufgrund ihrer Wanderungen nicht einfach einem Land zugeordnet werden können, andererseits, weil ihnen häufig keine offiziellen Personaldokumente wie Geburtsurkunden ausgestellt werden. Eine Rolle spielt dabei auch, dass die Roma selbst statistischen Erhebungen aufgrund ihrer Erfahrungen während der Shoah ablehnend gegenüberstehen. Die größte Zahl an Roma lebt in Südosteuropa. Allein in Rumänien, Bulgarien und Serbien dürfte ihre Zahl an die vier Millionen Menschen erreichen. In Österreich sind Roma und Sinti als Volksgruppe und ihre Sprache Romanes als Minderheitensprache seit 1993 anerkannt.

Abseits der Klischees: Ein Leben am Rand der Gesellschaft

Die (öffentliche) Wahrnehmung der Roma bewegt sich häufig zwischen zwei Extremen. Da drängen sich einerseits folkloristisch-romantische Bilder von freien Menschen in bunten Röcken auf, die sich rund ums Lagerfeuer versammeln. Andererseits bestehen in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung seit Jahrhunderten vorurteilsgeprägte Ängste vor Diebstahl und Bettelei. Abseits dieser negativen und positiven Klischees liefern die Daten und Fakten jedenfalls kein rosiges Bild von den Lebensumständen der etwa acht bis zwölf Millionen Roma in Europa.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) hat 2002 in einer der wenigen verfügbaren Studien in fünf Staaten Osteuropas (Bulgarien, Rumänien, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn) die Lebensumstände der Roma untersucht und erschreckende Fakten zu Tage gefördert: Die Sterblichkeit von Roma-Kindern ist in Rumänien drei Mal so hoch als im Durchschnitt der Bevölkerung, Minderjährige in allen fünf untersuchten Staaten sind häufig unterernährt. Die Lebenserwartung von Roma beträgt in Rumänien 63 bis 64 Jahre. Das liegt weit unter jener der Nicht-Roma-Bevölkerung und sinkt fast aufs Niveau eines Entwicklungslandes - mitten in Europa. Beschäftigungsmöglichkeiten für Roma gibt es in allen fünf Ländern vornehmlich im "informellen Sektor" - also als Schwarzarbeiterin oder Schwarzarbeiter. Entsprechend schlecht ist die soziale Absicherung. Die Arbeitslosenrate ist überdurchschnittlich hoch. In der Slowakei liegt sie beispielsweise bei 64 Prozent. Großteils miserable Wohnmöglichkeiten in Siedlungen abseits jeglicher Infrastruktur sind (mit) Schuld am schlechten Gesundheitszustand vieler Roma, die oft Kinder, ältere Menschen, Schwangere und chronisch Kranke trifft. Einer von zwei befragten Roma gibt an, aufgrund seiner Herkunft bereits Diskriminierung erlebt zu haben. Ein Kapitel für sich ist auch die Bildung: In Rumänien und Bulgarien weisen über 40 Prozent der Roma keinen Schulabschluss auf. Der Anteil an "Sonderschülerinnen" und "Sonderschülern" ist überproportional hoch. Der Zugang zu höherer Bildung (weiterführende Schulen oder Universitäten) ist den Roma de facto versperrt. Nur 72 Prozent der Roma in Rumänien sind alphabetisiert. Angesichts dieser Fakten wundert es kaum, dass die Chancen auf ein Leben unabhängig von staatlichen Leistungen äußerst gering sind und sich ein Teufelskreis aus Abhängigkeit, Arbeitslosigkeit und Armut auftut.

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