21.01.2011
Rede von Bundeskanzler Werner Faymann zum Festakt anlässlich des 100. Geburtstags von Bruno Kreisky

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Verehrte Familienangehörige von Bruno Kreisky!
Sehr geehrte, hochrangige ausländische Gäste, an der Spitze der ehemalige Regierungschef Felipe González! Paavo Lipponen! Hans Brunhart!
Sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung!
Sehr geehrte Mitglieder des Parlaments und der verschiedensten Interessensgemeinschaften!
Freunde und Weggefährten Bruno Kreiskys!
Werte Festgäste!

Wir denken heute zurück an den Menschen Bruno Kreisky, an den Politiker, Staatsmann, Weltbürger, an den Demokraten, Staatssekretär, Außenminister und selbstverständlich den Bundeskanzler Bruno Kreisky. An Kreisky, den Patrioten und Mitverhandler des Staatsvertrages, der für Österreich gelebt und gelitten hat, der ins Exil musste und der nach der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages am 15. Mai 1955 meinte: "Nie davor und nie danach durfte ich so einen Tag erleben".

Bruno Kreisky ist ohne Zweifel die bedeutendste politische Persönlichkeit Österreichs der Nachkriegszeit. Gemeinsam mit Willy Brandt und Olof Palme, später mit Felipe González, zählte er zu den führenden und gestaltenden Akteuren der europäischen und internationalen Sozialdemokratie und damit zu den Architekten, den Mitarchitekten eines gerechteren Europas und einer gerechteren Welt.

Wie kann man heute jungen Menschen, die ihn nicht mehr aktiv erlebt haben, Bruno Kreisky erklären? Am besten mit Bruno Kreisky selbst: "Ich wollte immer dort sein, wo etwas geschieht, ganz gleich, ob dort Unrecht bekämpft oder Recht verteidigt werden musste".

Mit diesem Elan ausgestattet, durchflutete er unsere Republik mit seinem Reformeifer; keine Ecke, kein verstaubter Winkel war davor sicher: Von den großen Gesetzeswerken im Familien- und Strafrecht bis hin zu den Schwerpunkten der Bildung, der Wissenschaft, der Gesundheit, des Steuerrechts, der Landesverteidigung, der Demokratie, bis zum Rundfunk reicht der Bogen.

Kreisky hat, ein Beispiel, Frauen einen neuen Stellenwert in der Politik und in der Gesellschaft gegeben. Herta Firnberg war eine besondere Wegbegleiterin und vor allem Johanna Dohnal mit ihren großen Visionen und ihrer beispiellosen frauenpolitischen Leidenschaft steht dafür ein. Nie davor gab es so viele weibliche Regierungsmitglieder wie im Kabinett Kreisky. Manches, was wir heute längst als selbstverständlich empfinden, musste damals erst hart und gegen viele Widerstände erkämpft werden. Ein Beispiel: Österreichs Ehemänner durften Frauen die Berufstätigkeit untersagen – man muss sich vorstellen: Das war Anfang der 70er Jahre gültiges Eherecht. Bruno Kreisky hat aber viele weitere Leistungen erbracht. Er versöhnte etwa die österreichische Arbeiterschaft mit der katholischen Kirche unter Kardinal Franz König.

Alle seine Reformen sind mit Namen verknüpft, die – wie er es selbst so gerne genannt hat – mit ihm mehr als nur ein Stück des Weges gegangen sind: Herta Firnberg, Christian Broda, Heinz Fischer, Hannes Androsch, Karl Blecha, Leopold Gratz, Fred Sinowatz, Johanna Dohnal, Erwin Lanc, Alfred Dallinger – um nur einige der Weggefährten zu nennen ...

Unter der Kanzlerschaft Kreiskys erlebten wir auch die Hochblüte der Sozialpartnerschaft, die Kreisky immer wieder als "sublimierten Klassenkampf" bezeichnet hatte. Österreich wurde nicht zuletzt dank dieser Sozialpartnerschaft auch zur sozialpolitischen "Insel der Seligen", wie Papst Paul VI. einmal unser Land bezeichnete.

Als einsame Insel sah Kreisky Österreich freilich nie, sondern er sah Österreich als aktiven Teil Europas, als aktiven Teil der Welt. Das prägte seine Außenpolitik, die Wien zum Amtssitz der UNO machte und mit der er das neutrale Österreich an die künftige Europäische Union heranführte.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges hat Kreisky überall Brücken gebaut. Sein Engagement im Nahen Osten war immer von der Vision des Dialogs und der Verständigung zwischen Israel und der arabischen Welt geprägt. Er hat viele spektakuläre Begegnungen erst ermöglicht.

Nicht zu vergessen sein Engagement für einen Marshall-Plan für die 3. Welt, mit dem er unterstrich: Soziale Verantwortung endet nicht an Staatsgrenzen und gilt für Menschen jeglicher Hautfarbe und Religion.

Wenn man junge Menschen der damaligen Generation fragt, was bis heute wohl am stärksten nachklingt im Kreisky’schen Reformkanon, dann ist das wohl seine "Bildungsoffensive". Österreich sollte moderner und menschlicher zugleich werden. Ein frischer Wind durchlüftete das Land und brachte eine neue Offenheit für Kunst und Kultur in Österreich.

Es herrschte eine ganz besondere Aufbruchsstimmung. Kreisky öffnete die Unis für alle – der Frauenanteil stieg von 34 Prozent im Jahr 1971 auf fast 50 Prozent 1981. Er baute soziale Barrieren ab – durch den Wegfall der Studiengebühren 1972/73, gleichzeitig die Abschaffung der Aufnahmeprüfung für Gymnasien, die Gratis-Schulbücher und die Schülerfreifahrt. "Wir haben", hat er gesagt, "die Tore der Schulen und Universitäten weit aufgemacht."

Für viele junge Menschen war auch seine Reform der Landesverteidigung sehr wichtig. Sein Versprechen "Sechs Monate sind genug" überzeugte viele, er führte 1975 als Alternative zum Wehrdienst den Zivildienst ein. Viele sind ihm heute noch dankbar, dass sie als Sanitäter, als Kinderbetreuer, als Altenpfleger Dienst an der Allgemeinheit leisten durften, ohne dafür eine Waffe tragen zu müssen.

Geblieben ist bis heute der Auftrag, sein Erbe zu bewahren. Denn er hat selbst in einem Interview mit Franz Kreuzer gesagt: "All das, einmal errungen, ist nicht selbstverständlich". Und man sollte hinzufügen: All das muss täglich verteidigt und weiterentwickelt werden!

Dieselben Kräfte, gegen die Kreisky sein Leben lang ankämpfte, die Ungleichheit in der Gesellschaft, der Fremdenhass, die Entsolidarisierung sind heute noch immer am Werk – teilweise im neuen Gewand, teilweise mit erschreckenden Parallelen, wenn man etwa an die zerstörerischen Kräfte der Finanzmärkte denkt.

Warum haben Kreisky "ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr schlaflose Nächte bereitet als ein paar Milliarden Schilling mehr Schulden"? Weil er in seiner Jugend, in den 1930er Jahren, als jeder vierte arbeitslos war, miterlebt hat, wohin Arbeitslosigkeit und das Fehlen jeglicher Perspektiven führten: zu schweren sozialen Spannungen, zu einer Krise der politischen Systeme, danach sogar zur Beseitigung der Demokratien. Das war einer der Gründe, warum er Vollbeschäftigung immer zum Ziel hatte.

Heute haben die Politiker dazu gelernt und verhindert, dass die Finanzkrise wieder alle in den Abgrund reißt wie in den 30er Jahren: Mit Kurzarbeit, mit gemeinsamer Vorgehehensweise in der Europäischen Union, mit Konjunkturprogrammen, mit Investitionen, mit steuerlichen Entlastungen – alles Werkzeuge der Wirtschaftspolitik, die Kreisky schon während der 70er Jahre anwandte und an deren Wirksamkeit in der jüngsten Krise – als wir sie eingesetzt haben – nicht einmal jene zweifelten, die zuvor Feuer und Flamme für den Neoliberalismus waren.

Trotzdem hat die jüngste Finanzkrise unzählige Arbeitsplätze vernichtet, trotzdem hat die Spekulations-Krise enorme Kosten verursacht, die wir jetzt alle tragen müssen – während jene, die sie verursacht haben, wieder munter drauflos spekulieren können. Die zerstörerische Spekulation und die ungezügelte Gier an den Finanzmärkten würden Kreisky heute wohl viele schlaflose Nächte bereiten, und dort würde er – frei nach seinem eigenen Ausspruch – mit seinen Weggefährten "hingehen, um Unrecht zu bekämpfen".

Auch bei der Bildung muss Errungenes ständig fortentwickelt werden. Wir dürfen nicht – 40 Jahre nachdem Bruno Kreisky die Tore für alle weit geöffnet hat –, die Türen wieder zumachen und zusehen, wie sich eine selbst ernannte Elite abspalten will. Im Gegenteil: Im Geiste dieses großen Bildungsreformers müssen wir heute mehr denn je danach trachten, dass alle jungen Menschen dieselben Chancen haben, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, damit sie ihren Weg gehen in einer globalisierten Welt – aber nicht alleingelassen von der Gesellschaft, sondern gestützt durch ein starkes soziales Netz. Auch dafür stand Kreisky wie kein anderer. Kreiskys Erbe zu bewahren heißt auch, die soziale Balance als ein notwendiges Ziel anzuerkennen. Kein Friede, und keine Freiheit ohne soziale Balance und keine moderne Gesellschaft. Sie gilt es in der Gesellschaft immer wieder neu zu definieren und auch wirklich zu leben.

Bruno Kreiskys Credo war: Demokratie ist Diskussion und Mitbestimmung. Denn auch das ist untrennbar mit seinem Lebenswerk verbunden: Er hatte immer den Mut zur Demokratie – siehe etwa die Zwentendorf-Volksabstimmung. Demokraten wie Kreisky haben lange und ausdauernd für eine vollwertige Demokratie gekämpft. Viele erbrachten große persönliche Opfer. Kreisky lebte es vor: Zur Demokratie gehört die Demut vor Volksentscheiden, das Bekenntnis zur demokratischen Initiative, Respekt vor Wählerinnen und Wählern – und dass man den jungen Menschen dieses Landes als Politiker demokratisches Vorbild ist.

Willy Brandt schrieb 1972 in einem Brief an Bruno Kreisky und Olof Palme: "Lassen wir uns von der Überzeugung leiten, dass die freie Diskussion die beste Chance bietet, herauszufinden was für die Menschen gut ist."

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, jede Zeit hat ihre Diskussionen und ihre Aufgabenstellungen. Zeitlos ist aber der Kampf für Gerechtigkeit und für Demokratie.

Bruno Kreisky hat uns das vorgelebt.

Bruno Kreisky wirkt bis heute.

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Nedeljko Bilalic
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