Die Verwaltung der Stadt Wien im UmbruchEntwicklungslinien und Fallbeispiele
Vortrag in der Reihe „Verwaltung im Umbruch“
am Donnerstag, den 3. März 2011um 17.00 Uhr s.t.im Österreichischen StaatsarchivNottendorfer Gasse 21030 Wien
Referent:Mag. Christian MertensWienbibliothek im Rathaus
In einer 1964 an der New York University approbierten Dissertation über die Wiener Gemeindeverwaltung 1933 bis 1950 attestiert Margaret Feiler bereits im Untertitel („A case study in bureaucratic resiliency“) den städtischen Bediensteten besondere „Elastizität“. So viel über die markanten Systembrüche in der Geschichte der Bundeshauptstadt im 20. Jahrhundert – 1934, 1938, 1945 – geschrieben wurde, so wenig ist über die zehntausenden öffentlich Bediensteten der Wiener Stadtverwaltung bekannt.
Tatsächlich stehen die Personalveränderungen in keinem Verhältnis zu den politischen und organisatorischen Konsequenzen der jeweiligen Systemwechsel. Nach dem Bürgerkrieg 1934 kam es vor allem in sozialdemokratischen „Hochburgen“ wie den Straßenbahnen oder Elektrizitätswerken zu Suspendierungen, aber kaum im Bereich der Hoheitsverwaltung. Zahlreiche Anhänger des autoritären Regimes fanden nun Karrieremöglichkeiten vor, während viele bisherige Sozialdemokraten unter dem Dach der nominell „überparteilichen“ Vaterländischen Front Unterschlupf fanden.
Die Zahlen über „Säuberungen“ während des Nationalsozialismus gehen weit auseinander, doch dürften sie sich im einstelligen Prozentbereich bewegt und hauptsächlich Juden in der Definition der Nürnberger Rassegesetze sowie höhere Beamte mit Affinität zum „Ständestaat“ betroffen haben. Alle Bediensteten mussten „Abstammungsnachweise“ erbringen und umfangreiche Fragebögen, auch hinsichtlich ihrer früheren Zugehörigkeit zu Parteien, Verbänden und Vereinen, ausfüllen. Besonders diese sind eine interessante Quelle für die politische „Elastizität“ mancher Bediensteten. Die NSDAP sicherte insbesondere „verdienten“ Parteigenossen beherrschenden Einfluss, versuchten aber auch gezielt, Sozialdemokraten, die 1934 außer Dienst gestellt worden waren, zu gewinnen.
Den Umbruch 1945 erlebten die meisten Vertreter der städtischen Verwaltung weitgehend passiv, d.h. als Betroffene der Situation. Die Entnazifizierungsmaßnahmen im Magistrat fußten auf dem Verbotsgesetz 1945, nach dem „Illegale“, d.h. alle Personen, die vor März 1938 der NSDAP angehört hatten, aus dem Dienst entlassen wurden. Darüber hinaus wurden auch jene Bediensteten nicht mehr weiter verwendet, die auf Grund ihres Verhaltens in der NS-Zeit als „untragbar“ empfunden wurden. Das Nationalsozialistengesetz 1947 unterschied dann zwischen „belasteten“ oder „minderbelasteten“ Nationalsozialisten.
Im Rahmen des Vortrags werden die rechtlich-organisatorischen Rahmenbedingungen für Wiener städtische Bedienstete zwischen 1934 und 1945 aufgezeigt sowie durch exemplarische Fallbeispiele veranschaulicht.
Mag. Christian Mertens, geb. 1965 in Wien; Studium der Geschichte und Politikwissenschaft an der Univ. Wien (Mag. phil. 1988; Diplomarbeit: „Das jüdische Vereinswesen Wiens in der Zeit zwischen den Weltkriegen“); 1988-1990 freiberufliche wissenschaftliche und journalistische Tätigkeit, 1991-1999 Politischer Referent, seit 1999 Wissenschafter in der Wienbibliothek im Rathaus (ehemals Wiener Stadt- und Landesbibliothek), u.a. Leiter der Zentralen Dienste (Benützung, Services) und Fachreferent für Provenienzforschung; Mit- und Alleinkurator mehrerer Ausstellungen, zuletzt: „Hugo Wolf. Biographisches – Netzwerk – Rezeption“ (2010), virtuelle Ausstellung zum Lueger-Bestand der Wienbibliothek (2010); zahlreiche Veröffentlichungen zu historischen und politischen Themen, zuletzt: Von der Monarchie zur Republik. Zeugnisse politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche rund um den Ersten Weltkrieg im Lehmann. In: Sylvia Mattl-Wurm, Alfred Pfoser (Hrsg.): Die Vermessung Wiens. Lehmanns Adressbücher 1859-1942 (Wien 2011), S. 114-125.
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