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Aus der Werkstatt der Forschung

Ungarische Archivare in Wien und die Ungarische Archivdelegation

Vortrag in der Reihe "Aus der Werkstatt der Forschung"

am Dienstag, den 14. Februar 2012
um 16:00 Uhr
im Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Minoritenplatz 1
1010 Wien

Referent:
Dr. István Fazekas

Anmeldungen bis 10.02.2012 erbeten unter
stabpost@oesta.gv.at oder
Tel.: 01-79540-115

Der Vortrag erläutert die Geschichte, Aufgaben und tägliche Arbeit ungarischer Archivare in Wien und der Ungarischen Archivdelegation, die vor 85 Jahren (1. Jänner 1927) ihre Tätigkeit aufgenommen hat.
Dazu muss man in die Zeit der Habsburger Monarchie zurückgehen, als die ersten ungarischen Archivare in Wien wirkten.

Der erste ungarische Archivar im Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHSTA) war Antal Gévay. Gévay leistete trotz seiner kurzen Dienstzeit (1841-1845) essentielle Erschließungarbeiten und Quelleneditionen. Nach dem Ausgleich 1867 wurden mehrere Ungarn bei den Wiener Zentralorganen sowie in Archiven angestellt.
Besonders erwähnenswert ist Árpád Károlyi, der von 1877 bis 1909 zunächst als Archivar, später als Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1909-1913) tätig war. Die unermüdliche Referententätigkeit Károlyis erleichterte den ungarischen Historikern den Zugang zu den Beständen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Er war ein Verfechter der Einführung des Provenienzprinzips.
Lajos Thallóczy (1857-1916), Direktor des Hofkammerarchivs, spielte eher als Wissenschaftsorganisator denn als Archivar eine wichtige Rolle.

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns führten Österreich und Ungarn zähe Verhandlungen im Bereich des Archivwesens, die mit einem Kompromiss endeten: dem Badener Archivabkommen (28. Mai 1926).
Die für Ungarn relevanten Bestände blieben in Wien und bilden eine gemeinsame „patrimoine intellectuel“ beider Länder, wobei Ungarn das Recht erlangte, Delegierte nach Wien zu entsenden, um die im Vertrag genau festgelegten gemeinsamen Bestände zu verwalten und zu erschließen. Zwei voneinander getrennte Archivdelegationen entstanden: eine im Haus-, Hof- und Staatsarchiv und Finanz- und Hofkammerarchiv, die andere im Kriegsarchiv. Die erste große Aufgabe der Delegierten war die Rücksendung von Akten nach Ungarn. Aufgrund des Provenienzprinzips ermöglichte das Badener Abkommen die Rückgabe der Akten, die in Ungarn enstanden waren und erst später nach Wien gelangten. Die Delegierten nahmen auch Anteil an der Organisation und Durchführung der ungarischen Forschungsarbeiten, die sich auf die damals geöffneten Bestände der Wiener Archive konzentrierten. Der Anschluss und der Zweite Weltkrieg brachten keine Veränderung der Delegationen mit sich, aber die kommunistische Machtübernahme setzte ihrer Tätigkeit 1948 ein vorläufiges Ende. Nur ein Delegierter im Kriegsarchiv verblieb als Zeichen der Kontinuität im Amt.

Die zweite Periode in der Geschichte der Delegation begann 1956, als ein neuer Delegierter in das Kriegsarchiv nach Wien berufen wurde bzw. 1959 der Posten des Zivildelegierten nach 10 Jahren neuerlich besetzt wurde. Die Archivdelegierten der neuen Epoche widmen sich seither der archivischen Arbeit.

Die Arbeit der Delegierten umfasst folgende Gebiete:

  • Betreuung der ungarischen Benützer bzw. Benützer, die sich mit ungarischer Geschichte beschäftigen
  • Erschließung der Bestände, die für die ungarische Geschichte von Bedeutung sind
  • Mikroverfilmung der Bestände, die für die ungarische Geschichte wichtig sind
  • Organisation und Beteiligung an verschiedenen Ausstellungen, Buchpräsentationen, Vorträgen etc.

Die Bedeutung der einzelnen Arbeitsaufgaben veränderte sich mit der Zeit. Neben der Erfassung der Archivbehelfe in einer Datenbank, sind in den letzten Jahrzehnten die Benützerbetreuung und Erschließungsarbeiten wesentlichster Bestandteil der Tätigkeit der Delegierten. Derzeit wird an der Erstellung eines Inventars der ungarischen Akten im Haus-, Hof- und Staatsarchiv gearbeitet.

Dr. István Fazekas, geb. 1964, Studium: Geschichte und Latein an der Universität ELTE in Budapest; Archivar des Ungarischen Staatsarchivs (1988-1995); ungarischer Archivdelegierter im HHStA (ab 1995); Forschungsgebiet: Kirchen- und Sozialgeschichte, bzw. Verwaltungsgeschichte Ungarns in der Frühen Neuzeit

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